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Einfach mal ’ne Demo machen…

Eigentlich begann die ganze Geschichte schon im letzten Sommer, am 8. Juni um genau zu sein. An dem Tag war Steffen Geyer nämlich im Zuge der CannabusKultour in Duisburg und hatte eine Demo unter dem Motto „Medizinalhanf ist Menschenrecht“ angemeldet.

Die Demo war eher schlecht besucht, wie so viele auf auf Tour. Wir waren vielleicht 30 Personen, eher weniger, die gemeinsam durch die Straßen zogen.

Steffen war schon dabei den Cannabus wieder zu beladen, als er mit einem Schulterzucken meinte, wenn die Tour erreiche, dass der eine oder die andere selbst mal aktiv würde und selbst eine Demo oder andere Veranstaltung zu dem Thema in Angriff nähme, wäre das ganze ein Erfolg.

Daher verkünde ich heute, ziemlich genau 11 Monate später:

Steffen, Deine CannabusKultour war ein Erfolg!

Es war im vergangenen Februar, als irgendjemand (vermutlich war auch das Steffen…) mich bei Facebook darauf stieß, dass Anfang Mai ja wieder Global Marijuana March wäre. Ich konnte mich nicht erinnern, dass es 2012 irgendwo im näheren Umkreis eine Aktion gegeben hätte – und vermutlich hätte ich das nicht verpasst. Tatsächlich gab es 2012 nur drei Veranstaltungen in Deutschland von denen keine in meinem Bewegungsradius lag.

Das fand ich eindeutig unbefriedigend.
Der Ruhrpott brauchte dringend eine Demo für den 04. Mai!
Aber wo?

Ich bin ja ganz groß im „Hier!“ schreien…

Daher lag die Antwort für mich ganz klar auf der Hand:
Hier. In Dortmund.
War ja auch naheliegend: Neben Essen die zweitgrößte Stadt im Pott, entsprechende Verkehrsanbindungen. Auch in Richtung Sauer- oder Münsterland.

Und wer genau sollte das organisieren?
Hier, ich!
Lag ja auch nahe: Ein kurzer Blick ins Grundsatzprogramm der Piratenpartei bestätigt schließlich, dass das „unser Thema“ war. Also zumindest eins von unseren Themen…
Und irgendwie schien es auch Zeit zu sein, mal wieder das mit den Drogen zu machen.

Außerdem wusste ich ja einen Kreisverband im Hintergrund, der Erfahrung darin hatte Demos zu organisieren, Materialien wie Musikanlage und so etwas gab es offensichtlich auch irgendwo.

Konnte also alles nicht so schwierig sein!

Im Nachhinein möchte ich das schon fast bestätigen. Jetzt, nachdem alles gelaufen ist. Ganz ohne Peitsche, um die Menschen auf die Straßen zu treiben!

Aber es gab Momente, in denen ich mich gefragt habe, ob die Urschreitherapie jetzt in diesem Augenblick helfen würde oder nur Taubheit bei einem Gegenüber oder Passanten hervorrufen würde…

Das erste Problem war eigentlich keins: Mir geht immer alles zu langsam, egal was und egal, wie schnell es tatsächlich geht. Und um die Demo bei der Polizei anmelden zu können, brauchte ich natürlich jene Infos, die auf dem Formular eingetragen werden sollten.

Obwohl uns allen klar war, dass der „GMM“ ein überparteilicher Aktionstag ist, war es halt so, dass die Organisation von Mitgliedern der Piratenpartei übernommen wurde. Und wie bei uns üblich, wollte ich daher keine der Entscheidungen einfach so treffen, ohne den anderen Interessierten die Möglichkeit zu geben, an eben diesen beteiligt zu sein.

Nicht zuletzt, weil ich selbst durch Job und Kinder auch ziemlich eingespannt war, dauerte es aber doch einige Tage, bis wir es schafften, mal mehrere von uns an einem Fleck zu versammeln.

Aber danach war ich immerhin gut ausgestattet:
Wir hatten uns für eine Flyer- bzw. Plakatvorlage entschieden.
Ein Motto gefunden.
Einen gewünschten Zeitrahmen festgelegt.
Zumindest eine Start- und einen Zielpunkt für die Demoroute ausgesucht.
Die ungefähre Teilnehmeranzahl besprochen.
Und ich hatte eine Mailadresse und einen Vordruck für die Anmeldung.

Das ganze sollte auf dem nächsten Piraten-Stammtisch nochmal durch ein Meinungsbild bewertet werden und dann zur Polizei.

Für mein Gefühl war das meiste also schon erledigt.
Echt einfach!

Doch danach wurde meine Geduld dann gleich wieder auf eine Probe gestellt:
Meine Anmeldung per Mail bekam sofort eine Antwort – nämlich die, dass der zuständige Mitarbeiter noch etwa eine Woche im Urlaub sei. In dringenden Fällen möge ich mich an seine Kollegin wenden. Ich glaubte selbst auch, dass mein Anliegen eigentlich nicht sonderlich dringend war, aber ich schickte meine Mail trotzdem auch an die Kollegin. Nur so zur Sicherheit.

Als der Herr von der Polizei schon am dritten Arbeitstag nach seinem Urlaub angelangt war, rief ich das erste Mal bei ihm an. Dieses erste Gespräch zustande zu bekommen, war gar nicht mal so einfach…
Er ging nicht ans Telefon, also rief ich nun doch die Kollegin mal an und erfuhr, dass er halt gerade in der Pause sei, jedoch in etwa 15 Minuten wieder zu erreichen sei. Also brachte ich den Müll raus (ja, ernsthaft!). Der Herr war aber schon eher aus der Pause gekommen und hatte gleich versucht, mich zurückzurufen – aber dank Müll war er da auch erfolglos. Leider starteten wir den nächsten Versuch zeitgleich und erreichten einander daher wieder nicht.
Ich glaube, als ich ihn beim folgenden Versuch tatsächlich am Telefon hatte, waren wir im ersten Moment beide davon überfordert, nun miteinander verbunden zu sein.

Meine Anmeldung war jedenfalls schon zur Kenntnis genommen worden, er habe eh vorgehabt, mich anzurufen, da es ein paar Probleme gäbe:
Am geplanten Startpunkt befände sich eine Baustelle, die Anfang Mai noch immer dort sein solle. Das würde daher nicht klappen.
Außerdem würde der BVB an dem Tag in Dortmund gegen Bayern spielen.
Das würde die geplante Uhrzeit recht schwierig machen, da zu genau der Zeit nur schwer Einsatzkräfte abgezogen werden könnten, um eine Demo zu begleiten. Vorausgesetzt das Spiel finde nachmittags statt.
Und so ganz am Rande würden die Ultras sich außerdem zu der Zeit an unserem Abschlusspunkt sammeln, zu der wir dort unsere Abschlusskundgebung abhalten wollten.

Äh ja, das hatte ich jetzt so irgendwie nicht geplant…

Um das ganze hier mal abzukürzen:
Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass Herr R. von der Polizei und ich von da an täglich telefoniert haben.
Über eine Woche lang.
Oft mehrfach täglich.

Und dabei war er immer sehr freundlich. Jede neue Info, die er bekam, gab er sofort an mich weiter. Ich glaube nicht, dass wir ohne ihn am Ende quasi exakt die ursprünglich angedachte Route hätten nehmen können.
Einzig die Uhrzeit haben wir am Ende vorverlegt – dieses Entgegenkommen hatte die Polizei sich auf jedem Fall verdient!

Ich vermute, Herr R. war genauso erleichtert wie ich, dass die Veranstaltung nun offiziell angemeldet war und beworben werden durfte. Und dass ich ihn fortan nicht mehr täglich anrufen würde…

Ich rieb mir also die Hände und freute mich, dass es jetzt endlich etwas zu tun gab.

Der PAN bekam die Plakatvorlage und den Auftrag, daraus irgendetwas hübsches zu zaubern. Ich fing damit an, eine Veranstaltung bei Facebook zu erstellen (das war Werbung, die unserem Budget von null Euro ziemlich entgegen kam) und Leute anzuschreiben.

Und ja, ich schrieb sie alle an.

Den Deutschen Hanfverband z.B., damit unsere Demo auf dem Sammelplakat aufgenommen werden konnte. Das passierte auch quasi sofort. Überhaupt war der DHV wirklich toll. Auf jede Frage bekam ich in kürzester Zeit eine Antwort. Und schon lange vor der Demo hatte ich ein Banner und einen ganzen Haufen Flyer von ihnen hier liegen.

Das war es dann aber vorerst auch schon mit den Erfolgserlebnissen bei meinem Versuch, Unterstützer für diese Aktion zu finden.

Auf zwei meiner Mails, was und wann der Global Marijuana March sei, dass wir Unterstützer und Redner für die Kundgebungen suchten, bekam ich recht schnell eine Antwort: Die beiden Mitarbeiter von zwei Drogenberatungsstellen waren im Urlaub, ich bekam eine Abwesenheitsnotiz.

Ich schrieb die Grünen Dortmund, die Linken Dortmund, den Schildower Kreis, den Akzeptierende Eltern e.V., vier Drogenberatungsstellen in Dortmund, die Grüne Jugend in Dortmund, die dortmunder Linksjugend, das Selbsthilfenetzwert Cannabis Medizin, den Akzept e.V. und die Internationale Arbeitsgemeinschaft für Cannabinoidmedikamente an.

Nicht von einer der Vereinigungen bekam ich eine Rückmeldung.

Von der Grünen Hilfe bekam ich die Rückmeldung, man würde kommen, wenn es sich einrichten ließe.

Einige waren dann doch auf der Demo. Von anderen bekam ich eine Rückmeldung, nachdem ich den DHV zugejammert hatte. Aber auch nicht mehr als ein „Zur Kenntnis genommen und weitergeleitet“.

Also fing ich an weiter zu denken.

Einige schrieb ich ein zweites Mal an.
Ich schrieb Amnesty International in Dortmund an, und fragte an, ob vielleicht jemand bei einer der Kundgebungen über die weltweiten Drogenkriege sprechen könnte.
Ich fragte beim Team der Euromayday Ruhr an, ob man die beiden Veranstaltungen nicht gegenseitig bewerben könnte, da sie zeitlich direkt nacheinander lagen.

Ich suchte mir die Mitglieder der Grünen im Stadtrat heraus, die in den passenden Ausschüssen saßen, und schrieb diese an.
Ich schrieb den linken Stadtrat an.
Ich schrieb den grünen und den linken Landesverband NRW an. Die Grüne Jugend NRW und die auch die Linksjugend NRW.

Vermutlich erübrigt sich die Bemerkung, dass es auf keine dieser Mails eine Reaktion gab…

Zumindest zwei Rednerzusagen hatte ich aber immerhin, auch wenn da eindeutig eher persönliche Beziehungen im Spiel waren:
Einmal war da Andi Rohde, Koordinator der AG Drogenpolitik und Listenkandidat der Piraten bei der Bundestagswahl im Herbst. Wir hatten uns zwar unter ungünstigen Umständen kennengelernt, das aber schon vor geraumer Zeit begraben. Er hatte mir sofort zugesagt, nach Dortmund zu kommen.
Tilo war Epileptiker, wir hatten uns im vergangenen Sommer auf der Demo in Duisburg kennengelernt. Und obwohl er, glaube ich, gar nicht gerne im Rampenlicht steht, hatte auch er mir zugesichert, ein paar Worte zum medizinischen Nutzen von Cannabis zu sagen.

Und weil ich ja auch von Natur aus hartnäckig bin (ich vermute, ich bin in irgendeinem Horoskop vom Sternzeichen Terrier), nahm ich mir die Grünen und Linken dann halt persönlich vor. Konnte ja sein, dass sie meine Mails aus irgendeinem Grund nicht gelesen hatten. Oder dass es sie zu sehr schockiert hatte, eine Mail aus Reihen der Piratenpartei bekommen zu haben.

Auf jedem Fall machte ich mich mit meinem charismatischsten Lächeln und einen Schwung Flyern in der Hand bei der UmFAIRteilen-Aktion in Dortmund ein paar Wochen vor dem GMM auf den Weg zum Infostand der Linken.

Die junge Dame, die ich ansprach, hatte meine Mail gelesen. Hurra!
Leider habe man aber in Dortmund niemanden, der sich näher mit dem Thema beschäftigen würde. Gut, kann ja mal vorkommen.
Dass man aber natürlich keine von den Flyern (wer einen in der Hand hatte weiß, dass die nicht darauf verweisen, dass dies eine Piratenveranstaltung wäre) auslegen könne, nahm ich dann mal als Absage.
Die Tatsache, dass die Linken auch tatsächlich nicht auf der Demo vertreten waren, bestätigt dies wohl.

Aber ein paar Meter weiter standen ja auch noch die Grünen!
Ja, ich gebe es zu: Ich war früher ein grün-Wähler. Und auch wenn die Grünen heute für mein Empfinden mehr Unsinn als Gutes tun, hegte ich noch gewisse Sympathien.

Ich setzte also wieder mein Lächeln auf und war wirklich zuversichtlich. Zumindest mal eben kurz.

Es war ein ernüchterndes Gespräch, das die Dame und ich da führten. In jeder Hinsicht.

Ja, es stünde im Programm der Grünen, dass man für die Legalisierung sei. Aber in Dortmund sehe man das anders. Ich hörte mir brav die Anekdoten darüber an, dass Cannabis eine Einstiegsdroge sei und dazu noch einige private Geschichten der Dame (man möge mir verzeihen, dass ich diese hier nicht wiedergebe, aber Piraten machen ja auch das mit dem Datenschutz).
Jedenfalls habe man gemeinsam im Vorstand abgestimmt und sich gegen eine Unterstützung entschieden.

Ich fragte, ob sie wenigstens ein paar Flyer für eventuell interessierte Grüne mitnehmen könne, wenn diese schon nicht am Infostand ausgelegt werden könnten.
Ich glaube, sie nahm drei Stück. Und ich glaube, sie hatte nur Mitleid mit mir.
Oder sie wollte mich endlich los werden…

Ich schlucke jedenfalls den kindischen Kommentar, dass ich jetzt jede Stimme, die ich den Grünen je bei der Kommunalwahl gegeben habe, bereuen würde (und das natürlich nur und ausschließlich wegen ihr), herunter und gab die Grünen auf.

Nun ja. Was hatte ich von einer Pazifisten-Partei erwartet, die schon Soldaten in den Kosovo geschickt hatte?

Immerhin verwirrte es mich dann nicht mehr weiter, dass man direkt im Anschluss auch im Headshop Bullet meine Flyer verweigerte.

Aber zumindest die grüne Jugend meldete sich dann doch irgendwann bei mir. Und nicht nur das: Man versprach sogar einen Redner zu stellen!

Das beruhigte mich ein bisschen. Ich hatte mich vor meinem geistigen Auge schon allein mit einer Handvoll Freunde da stehen sehen…

Wobei es mit meinen Freunden auch eher schlecht aussah.
Kiffen macht ja angeblich kreativ. Und paranoid.
Auf jedem Fall bekam ich die haarsträubendsten Begründungen, warum man nicht kommen könne, zu hören.
Keine Zeit (tz, ich bin quasi-alleinerziehend mit zwei kleinen Kindern, gehe halbtags arbeiten, habe zwischendurch noch eine Beerdigung besucht und diverse kranke Familienmitglieder betüdelt, führe nebenbei auch noch ein Leben und habe diese Demo organisiert!).
Arbeitslose, die Angst hatten, ihr Arbeitgeber könne sie dort sehen.
Es sei ihnen zu weit.
Sie wollen das Fussballspiel sehen (abends).

Und dass mittlerweile um die 300 Leute bei Facebook angaben, sie würden kommen, beruhigte mich auch nicht. Zuletzt war ich auf einer Demo gewesen, zu der 1.300 Leute kommen wollten. Es waren keine 100 dort…

Und das Problem mit der Musik hatten wir auch noch immer nicht gelöst:
Wir waren uns einig, auf einer Revolution muss getanzt werden können. Und das natürlich (Piraten und so) am besten gemafrei.
Aber woher weiß man, dass Musik gemafrei ist?

Ich fragte also einen befreundeten Musiker und bekam zwei Tipps:
Ich solle mal bei Jamendo nachschauen, dort gäbe es sowas.
Und sonst müsste ich direkt bei den jeweiligen Künstlern anfragen, weil es keine wirklich aktuelle Datenbank gäbe, um dies selbst herausfinden zu können.

Ich fand bei Jamendo nix passendes. Und der PAN auch nicht. Und auch sonst keiner, den ich suchen schickte.
Also biss ich in den sauren Apfel und schrieb mal wieder ein paar zumeist kleinere und unbekanntere Musiker an.

Das war sogar fast erfolgreich. Ein einziger, der bekannteste, hat mir nämlich geantwortet! Ich kann daher verkünden: Götz Widman ist bei der Gema (und trotzdem toll!).

Gut, ich verstand die Musiker ja auch irgendwie: Wenn jeder sie wegen jeder popeligen Veranstaltung anschreiben würde, bliebe ihnen beim antworten wohl keine Zeit mehr, um Musik zu machen.

Aber die Grüne Jugend klärte mit einer Band ab, dass wir sie würden spielen dürfen. Allerdings wäre eine einzige Band natürlich etwas dürftig…

Doch dieses Problem schoben wir erst einmal nach hinten. Denn eine Woche vor dem GMM stand noch ein Landesparteitag der Piraten in Bottrop an.

Ich hatte vor, dort noch einige Flyer zu verteilen, noch ein paar Demoteilnehmer zu gewinnen und vielleicht auch noch den einen oder anderen Redner.

Eigentlich hatte ich gar nicht gewollt, dass der Anteil der Piraten bei den Kundgebungen so hoch sein sollte, aber es wollte halt niemand sonst…

Aber erst einmal kam es wie es kommen musste:
Das Glöckchen kann ja irgendwie nicht anders, als auf Parteitagen mit irgendeinem Design anzuecken. Im Herbst war’s noch ein T-Shirt.
Diesmal waren es die Flyer.
Diese hatte ich guten Gewissens auf einem Tisch im Eingangsbereich ausgelegt, auf dem ein ganzer Schwung unterschiedlicher Piraten-Flyer auslag.
Leider fand irgendwer, ausgerechnet meine Flyer sähen aus wie Stimmkarten. Ja, der Hintergrund ist auch orange. Das Format, die Schrift, die Rückseite haben allerdings gar keine Ähnlichkeit.

Während wir halt die deutschlandweit genutzte Vorlage vom DHV benutzt hatten, hatte der Landesverband natürlich nicht schon vorher preisgegeben, wie die Stimmkarten aussehen würden, um Betrug vorzubeugen.
Dummer Zufall.

Aber soweit ich weiß, hat auch keiner die Flyer entfernt.

Und zumindest konnte ich einen weiteren Piraten für eine Rede gewinnen. Und sogar Udo Vetter wollte als Rechtsanwalt vielleicht ein paar Worte sprechen, wenn seine Zeit es zuließe.

Ich würde also mindestens vier Redner haben, je zwei für die Auftakt- und zwei für die Abschlusskundgebung. Das beruhigte mich schon einmal etwas.

Und dann war ganz plötzlich schon die Woche vor dem vierten Mai…

Auf einmal ging irgendwie alles ganz schnell und ganz von alleine.

Ich schickte Anfang der Woche noch einmal eine Mail an mein bisher ziemlich inaktives Orga-Team (aber irgendwie gab es gar nichts, was ich hätte an die auslagern können), was noch zu klären sei.

Und auf einmal schwärmten die aus und taten… Dinge.

Dinge, an die ich gar nicht gedacht hatte.
Dinge, die ich vermutlich gar nicht mitbekommen habe.

Nico verteilte Flyer in der Stadt.
Uwe fuhr mit Mirko nach Düsseldorf, um unsere Sachen wieder aus Bottrop zurückzuholen (klingt komisch, ist aber so).
Alle fingen fieberhaft an zu diskutieren, wo die Ordnerbinden wären, um diese dann im Anschluss zu suchen.
Uwe fuhr zu Andreas, um dessen Hänger und ihn abzuholen.
Ich vermute, Mirko hat die Technik zusammengestellt.
Udo Vetter sagte endgültig zu.

Zwischenzeitlich gab ich die gemafreie Musik auf, stellte nach ewig langem Suchen fest, dass die Gema-Gebühren in diesem Fall noch recht erträglich sein würden und stellte zähneknirschend einen Antrag, Musik spielen zu dürfen.

Ich rief mal wieder Herrn R. bei der Polizei an, um zu fragen, ob es spezielle Auflagen beim Abspielen von Musik gäbe (gewohnt freundlich wurde ich detailliert aufgeklärt, wie laut, wie lange usw.)

In der Nacht vor dem GMM stellten wir noch eine Playlist zusammen – die ich natürlich vergaß zu speichern und die am nächsten Morgen dann weg war.
Wir hatten Stunden damit zugebracht, völlig skurrile Diskussionen über die perfekte Reihenfolge zu führen, weil z.B. die Monsters of Liedermaching so einen schönen Übergang bewirkten (und ob das Wort „Grasraucher“ eigentlich schon ausreiche, um einen Platz auf dieser Playlist zu bekommen), ob „Liebe“ nicht irgendwie ein Kiffer-Song sei, ob „Der Shit-Hit“ ans Ende dürfe oder nicht.

Komisch, am nächsten Morgen waren wir nach zwei Minuten damit fertig, eine Playlist zu erstellen und zu speichern. Und der schöne Übergang war noch immer drin!

Der PAN beschloss, ich bräuchte ein T-Shirt, frickelte das Motiv zurecht, kaufte ein T-Shirt und bügelte das Motiv am Morgen vor der Demo noch schnell auf.

Wir holten noch ein Paket mit Flyern bei der Post ab.

Und kaum zu glauben, auch wenn ich kein Hashtag je so oft benutzt habe wie #schonwiederzuspät, waren wir pünktlich um zwanzig nach zehn in der piratigen Kreisgeschäftsstelle, um den Wagen zu beladen.

Die Sonne strahlte auf uns herab, und die Stimmung war schon zu der Zeit phantastisch.

Während die meisten damit beschäftigt waren, den Hänger zu beladen, entbrannte ein erbitterter Streit um die Ordnerbinden: Von denen waren nämlich nur drei wieder aus Bottrop zurückgekommen. Die Alternative war eine zauberhafte Weste in orange.

Man sollte ja meinen, Piraten tragen gerne orange…

Gregor war einfach schnell und griff die erste Ordnerbinde.
Ich fand, ich hatte an jenem Tag Sonderrechte – und außerdem hätte ja sonst keiner das T-Shirt gesehen! Also bekam ich die zweite.
Und dass der PAN eine hatte… ach, sein wir mal ehrlich: Das war wohl Vetternwirtschaft.

Dafür griffen er und Nico sich zwei Bauchläden und die ganzen Flyer, um diese zu Fuss schon einmal in der Stadt auf dem Weg zu unserem Startpunkt zu verteilen.

Olaf tauchte überraschend früh aus Soest auf und half uns beim Aufbau.

Fahrer und Fahrzeuge hatten wir tatsächlich nicht nur eins sondern gleich zwei, daher mussten wir uns nur einigen, wer den Hänger ziehen würde.

Noch im Auto auf dem Weg rief mich dann Andi an, um zu fragen, ob wir schon auf dem Weg seien, weil er schon da sei – ebenso wie ein ganzer Haufen Leute, deren Schilder verrieten, zu welcher Demo sie wollten.

Es waren tatsächlich Leute da! Und sogar viel mehr als erwartet…

Wir hatten bei der Anmeldung mit 150 Teilnehmern extra hoch gegriffen und höchstens mit der Hälfte gerechnet. Aber das waren schon jetzt recht viele…

Und Tilo, der Epileptiker, war auch schon da. Er zeigte gerade bei der Polizei seine Unterlagen vor, um zu beweisen, dass er tatsächlich Gras konsumieren durfte, als ich mich bei den Polizisten vor Ort vorstellte.

Das war außerdem das einzige Mal, das mitbekommen habe, dass die Polizei dies getan hat. Überhaupt hatte ich den Eindruck, von sich aus hat die Polizei nur hin und wieder Kontakt mit mir und den anderen Ordnern aufgenommen, und sonst nichts zu bemängeln gehabt.

Erste Probleme gab es zu Anfang mit den Rednern:
Den jungen Mann von der Grünen Jugend fand ich recht einfach – er hielt eine Fahne der Grünen Jugend in der Hand. Wir sprachen kurz ab, wann sein Redebeitrag sein würde (ich habe ihm in den folgenden 10 Minuten bestimmt dreimal mitgeteilt, dass wir diese Planung doch ändern müssen) und vergaß, wenigstens mal nach seinem Namen zu fragen oder mich vorzustellen.
Ich klärte mit Tilo, dass er lieber am Ende sprechen würde.
Andi war ja schon vor Ort und sollte den Anfang machen, weil er hinterher noch nach Köln zum Global Marijuana March wollte, um auch dort bei einer Kundgebung teilzunehmen.

Nur Udo Vetter und der andere Pirat fehlten noch… Es war ein bisschen spät, um mir zu überlegen, dass ich die beiden mal nach ihrer Handynummer fragen sollte.

Wir hatten noch immer das Problem, dass wir Ordnerwesten im Überfluss hatten – aber keiner die anziehen wollte.

Ich fragte also parallel alle vorhandenen Piraten durch, wer die Nummer von einem der beiden fehlenden Rednern habe und wer eine Weste nehmen würde. Meine Erfolgsquote war in beiden Fällen nicht sonderlich hoch, aber es fanden sich immerhin Ordner.

Und wenn auch nicht Udo Vetters Nummer, so dann doch er selbst. Den anderen Piraten ließ er entschuldigen – und ich ordnete mal wieder die Redner neu, während ich jemandem eine Ordnerweste gab, ihm dafür das Banner vom DHV abnehmen musste und das an einen anderen weiterreichte.

Und dann war’s eigentlich alles ganz entspannt.

Andi hielt seine Rede, ich gab der Polizei endlich einen zeitlichen Rahmen. Wie ich heute weiß sprach dann Gustav Berger von der Grünen Jugend.

Die Strecke war, wie wir merken mussten, irgendwie dann doch kürzer als gedacht – aber wir sind ja lernfähig! Und das nächste Jahr kommt bestimmt.

Dann erinnere ich mich hoffentlich auch noch, dass ich zu knochig bin, um Fahnen an Stangen mit mir herum zu tragen, weil ich davon blaue Flecken am Schlüsselbein bekomme.

In jedem Fall war es aber beeindruckend, wie lang der Zug durch die Straßen doch war. Obwohl unsere Werbung mehr als sparsam war (was einfach am kurzfristig nicht vorhandenem Budget lag), hatten wir doch mehr als nur eine Handvoll Menschen auf die Straßen gelockt!

Gut, das Wetter hatte sicher sein übriges getan, aber wir hatten doch weitaus mehr Menschen erreicht, als erwartet. Und tatsächlich sah ich kein bekanntes Gesicht, das ich vielleicht noch erwartet hätte. Trotzdem waren das waren nicht wenige Menschen unserem Aufruf gefolgt.

Laut Zeitung waren etwa 100 Leute dabei, Teilnehmer schätzen eher 150 bis 200 Menschen. Und das bei diesem Thema, bei dem sich kaum jemand traut, mal den Mund aufzumachen, nur um sich nicht verdächtig zu machen…

Mit lauter Musik und „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns das Ganja klaut“-Rufen zogen wir zum Westpark, um dort unter bereits grünen Bäumen und bei Vogelgezwitscher im Sonnenschein die Abschlusskundgebung zu halten.

Udo Vetter ging noch einmal auf die rechtlichen Ursprünge und heutigen Folgen der Prohibition ein, Tilo beschrieb, wie schwer es selbst Menschen mit medizinischen Gründen gemacht werde, Marihuana konsumieren zu dürfen. Lars Knacken richtete spontan noch ein paar Worte an die Versammelten.

Und während viele noch rauchend im Gras saßen, verabschiedete sich die Polizei nett und höflich von mir.

Als wir gepackt hatten und im Auto saßen, ließen sich nicht wenige noch immer die Sonne ins Gesicht scheinen – genau wie wir es geplant hatten und warum wir diesen Ort für das Demoende geplant hatten.

Für mich – und ich glaube auch für alle anderen, die bei dieser Veranstaltung geholfen haben – war der GMM auf jedem Fall ein Erfolg.

Gut, einiges wird man im nächsten Jahr sicher besser machen, weil man nun auf der Erfahrung von diesem Jahr aufbauen kann.

Aber fest steht auf jedem Fall, dass wir Euch im nächsten Jahr wieder auf die Straße rufen werden, wenn sich bis dahin die Gesetzeslage nicht eklatant verbessert hat.

Auch da sind wir Piraten nämlich konservativ: Wir kämpfen für das, was in unserem Grundsatzprogramm steht. Auch wenn wir nicht in den Bundestag kommen sollten. Wir machen, was wir machen, aus Überzeugung. Weil wir etwas verändern wollen.

Und protestierende Menschen können etwas verändern, wenn sie nur viele und hartnäckig genug sind!

Also geht weiter auf die Straßen, klärt Leute auf, die Unsinn glauben, weil sie es nicht besser wissen. Und bringt im nächsten Jahr Freunde mit, motiviert Leute, seid Multiplikatoren!

Denn auch wenn ich dankbar auf ein wirklich gutes Team blicken kann, das mir bei der Organisation geholfen hat, auf einen bedauernswerten Mann, der sicher manchmal das Bedürfnis hatte, mir eine Bratpfanne über den Schädel zu ziehen, bringt das alles nix, wenn Ihr dann nicht kommt!

Also am besten schon mal in den Kalender eintragen:
Am ersten Samstag im Mai ist auch nächstes Jahr wieder Global Marijuana March! Wir sehen uns da doch wieder, oder?!